Der Jünger Christi Zeichen ist    

1) Der Jünger Christi Zeichen ist,
wenn aus dem Herzen Liebe fließt,
und in der Tat sich zeiget.
Gott fordert Liebe nicht allein
für sich, - es soll auch Liebe sein,
die sich zum Nächsten neiget.

2) Ein jeder Christ des Nächsten Wohl
so treu als seines suchen soll,
und dadurch Liebe üben,
man helfe ihm in Leibesnot,
man rett' die Seele auch vom Tod,
wenn man will christlich lieben.

3) Ach, lieber Mensch! Bedenk es wohl,
wie es so gar nicht, wie es soll,
in diesem Stück hergelehet,
ein Jeder spricht: Ich bin ein Christ
und Wenig' tun, was christlich ist,
und was der Lieb' zustehet.

4) Der meiste Teil liebt sich verkehrt,
in Eigenlieb sein Elend mehrt,
wie kann er andre lieben.
Man liebt den Nächsten nur so viel,
als man ihn etwa brauchen will,
nach seinen bösen Trieben.

5) Der Leib wird höchstens noch geliebt,
was aber Heil den Seelen gibt,
wird meistenteils vergessen,
ob's Nächsten Herz unwissend sei,
ob es bekehrt, von Sünden frei,
will fast niemand ermessen.

6) Man glaubt, das sei nur Lehrer Pflicht,
für andere gehör es nicht,
die warten andre Sachen,
gleich als ob Prediger allein
zur Nächstenlieb' verbunden sein,
wer kann sich hier frei machen?

7) Ach Gott, erleuchte aller Sinn,
lenk ihre Herzenskraft dahin,
den Nächsten recht zu lieben,
lehr uns, dass der kein Christe sei,
des' Glaube lauter Heuchelei,
der nicht will Liebe üben.

8) Die Seelen, welche du erkauft,
die auch auf Christum sind getauft,
lass uns niemals verachten,
was zu derselben Seligkeit
gedeihet und vom Tod befreit,
lass jeden wohl betrachten.

9) Gib, dass wir fein einandern lehrn,
den Sünder vom Irrtum bekehrn,
zur Tugend uns erwecken,
einer den andern brüderlich
bestrafe, des, der bessert sich,
Fehltritt in Lieb' zudecken.

10) Wo aber keine Änderung
erfolgt und keine Besserung,
des Umgang klüglich meiden.
Einander trösten in der Not,
auch wenn es endlich kommt zum Tod,
einander stehn zur Seiten.

11) Ob wir nicht alle Pred'ger sind,
dennoch die Liebe uns verbindt,
für's Nächsten Seel' zu streiten,
das Lehr-Amt wird gar nicht veracht',
vielmehr man es recht fruchtbar macht,
wenn man so hilft arbeiten.

12) Ein jeder Christ ein Priester heißt,
es treibt ihn auch der Heilge Geist,
für's Nächsten Heil zu wachen:
wer Jesu ist am Sinne gleich,
und liebet Gottes Ehr' und Reich,
kann dieses nicht verlachen.

13) Ach, mein Gott, was gehört dazu,
wenn man will zu der Seelenruh'
sich finden und den Nächsten führen?
Gib Weisheit, Eifer, Mut und Stärk'
und fördre diese sel'ge Werk,
lass uns auch Furcht verspüren.

14) Gib, dass der Sünder sich bekehr,
und deine Freude dadurch mehr',
dass er sich halt zu Frommen.
So wird er auch nach dieser Zeit
zu dir in deine Herrlichkeit
mit Fried' und Freude kommen.

Text:
Melodie: Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn